Text 4. Der Uns eigene Weg einer Evangelisierung

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Fernando Tapia, Chile

Als Diözesanpriester haben wir Anteil an dem der Kirche eigenen weltweiten Auftrag, nämlich zu evangelisieren. Papst Franziskus hat uns in seinem ersten apostolischen Schreiben “Evangelii gaudium” einige sehr klare Linien dazu aufgezeigt. Diese machen wir uns zu eigen, indem wir versuchen, im missionarischen Alltag unserer Pfarreien, Kommunitäten, Bildungszentren, caritativen Zentren für die Ärmsten usw. uns von ihnen inspirieren zu lassen.

Dabei stellt sich die Frage, ob wir als Priester der Jesus Caritas Bruderschaft nicht eigene Akzente entwickeln sollten, die dem Charisma Bruder Karls und unserer Spiritualität entsprechen. Eigentlich ist das keine Frage; das will ich im Folgenden an einige Schlüsselbegriffen erläutern.

1. DAS GEHEIMNIS DER INKARNATION

Der uns eigene Weg der Evangelisation ist geprägt vom Geheimnis der Menschwerdung, einem Geheimnis, das Bruder Karl faszinierte und das zur Wurzel seiner Spiritualität wurde.

» Die Menschwerdung ist in der Güte Gottes grundgelegt. Doch eines erscheint dabei so wunderbar, brillant und erstaunlich, wie ein blendendes Zeichen: nämlich die unendliche Bescheidenheit, die dieses Geheimnis umgibt. Gott, das Sein schlechthin, der Unendliche, der Vollkommene, der Schöpfer, der aller Allmächtigste, der souveräne Herr über allem, der wird Mensch, nimmt eine Seele und einen menschlichen Körper an und lebt auf Erden wie ein Mensch, wie der Letzte von allen «

Die Menschwerdung geschieht immer an konkreten Orten, zu bestimmten Zeiten, mit entsprechenden kulturellen Ausprägungen. Bruder Karl leistete eine gewaltige Arbeit, um die Kultur der Tuareg, ihre Sprache, ihre Sitten, ihre Poesie u.a. darzustellen. So sollten wir immer den historischen Kontext, die Besonderheiten der Zeit, der Sitten und Gebräuche der Menschen berücksichtigen, denen wir das Evangelium predigen. Denn wir sind davon überzeugt, dass Gott seine Menschwerdung in jede Zeit hinein verlängert und dass der auferstandene Christus auch durch die Zeichen unserer Zeit zu uns spricht, um uns einzuladen, am Aufbau seines Reichs des Lebens mitzuarbeiten.

Im Hinblick darauf, dass Christus die Welt durch die “Pforte der Armen” betritt, wie es Msgr. Enrique Alvear ausdrückte, sollten auch wir bevorzugt durch diese Pforte in unsere Aufgabe der Evangelisation eintreten und von hier aus die Frohbotschaft verkünden.

2. AN DEN RÄNDERN DER WELT

Einerseits verfügbar gegenüber unseren Bischöfen bevorzugen wir andererseits die verlassensten und entferntesten Orte der Kirche, nämlich die geografischen oder existentiellen Ränder, wie es unser Papst Franziskus ausdrückt. Gemeint sind Ränder wie: geächtete Menschen, entfernte Regionen, Flüchtlingslager, Migranten, Drogenabhängige, der Freiheit Beraubte, also ganz allgemein: abgelehnte Menschen. Wenn wir ihnen nahe sind, sind wir auch in der Lage, ihren Schrei zu hören, der manchmal hauchdünn, manchmal tosend daherkommt, – und uns auf ihn einzulassen. Arme Mittel zu gebrauchen ist Voraussetzung für unsere freundschaftliche und verständnisvolle Gegenwart. 2

Bruder Karl sagt uns:

» Für mich gilt: sucht immer den letzten der letzten Plätze, um so klein zu sein, wie mein Meister, um mit ihm zu sein und ihm nachzufolgen, Schritt für Schritt, wie ein gehorsamer Diener, wie ein treuer Jünger und wie (bei seiner unvergleichlichen Güte darf er so sprechen) ein treuer Bruder und Gemahl. «

» Dieses göttliche Festmahl, dessen Diener ich bin, darf nicht nur den Geschwistern oder Angehörigen, nicht nur den reichen Nachbarn angeboten werden, sondern den Lahmen, den Blinden, den verlorensten Seelen und denen, die keine Priester um sich haben. Ich habe darum gebeten und die Erlaubnis erhalten, mich in der algerischen Sahara einzurichten. «

Wenn wir auf gutsituierte Posten gesandt sind, sollten wir Agenten einer sozialen Sensibilisierung sein, Brückenbauer zwischen den Reichen und den Realitäten der Armen.

Immer sind wir vor Ort als Freunde und Brüder der Armen. Wir entdecken Gott, der sich hinter ihren Schreien und ihren Sehnsüchten verbirgt. Und darüber hinaus sind wir offen dafür, dass die Armen uns evangelisieren und dadurch unseren Dienst bereichern.

3. PERSÖNLICHES ZEUGNIS

Normalerweise und insbesondere im sozialen Abseits geschieht die Evangelisierung eher durch ein Lebenszeugnis statt durch große Reden. Ein solches Zeugnis ist geprägt von Nähe, Einfachheit, Offenheit, Feinfühligkeit, Interesse an den Ereignissen im Leben der Armen, geprägt von konkreten Hilfestellungen und einer inneren Freude. Bruder Karl beschreibt dies einem Freund so:

» Du willst wissen, was ich für die Eingeborenen tun kann? Es ist unmöglich, ihnen direkt von unserm Herrn zu erzählen; das würde sie in die Flucht schlagen. Wichtig ist, bei ihnen Vertrauen entstehen zu lassen, sie als Freunde zu gewinnen, ihnen mit kleinen Diensten oder auch einem guten Rat zur Seite zu stehen, sich freundschaftlich an sie zu binden, sie sehr diskret an ihre eigene Religion zu erinnern, ihnen zu zeigen, dass die Christen sie schätzen. «

Schon bei seinen Exerzitien vom November 1897 formuliert er seine Methode des Evangelisierens mit diesem Satz, den er Jesus in den Mund legt: » Lebt eure Berufung, das Evangelium von den Dächern herabzurufen, nicht mit Worten, sondern durch eurer Leben «

Das bedeutet nicht, dass der Wort-Dienst Nebensache sei. Wir wissen, dass er ganz wesentlich zu unserer Berufung gehört, nämlich den Glauben anzuregen und zu nähren: » Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch Christi Wort. « (Röm. 10,17). Das Vatikanum II formuliert es eindeutig: » Durch das Heilswort wird ja der Glaube im Herzen der Nichtgläubigen geweckt und im Herzen der Gläubigen genährt. «

4. UNSERE OPTION FÜR EINE BRUDERSCHAFT

Mit unserer Option für die Bruderschaft signalisieren wir unsere Bereitschaft zum Teamwork mit andern Priestern, unabhängig davon, ob sie zu unserer Bruderschaft gehören oder nicht, aber ebenso auch mit Ordensleuten, Diakonen und Laien. Wir möchten lieber ein Bruder sein statt ein Tyrann, Professor oder Glaubensherr, gemäß einem Wort des Konzils: » Allen Menschen begegnen sie (die Priester) deshalb als ihren Brüdern. «7 Im Hinblick darauf kam Bruder Karl dem Konzil zuvor, wenn er die Zusammenarbeit mit den Laien sucht:

» An der Seite der Priester sind Priscillas und Aquilas vonnöten, um diejenigen wahrzunehmen, die der Priester übersieht, um dort eintreten zu können, wo der Priester keine Chance hat, um denen zu begegnen, die vor ihm die Flucht ergreifen. Sie missionieren durch wohlwollende Begegnungen, mit einer überbordenden Liebe zu allen, mit hingebungsvoller Zärtlichkeit; ihr gutes Beispiel ist auch für solche attraktiv, die dem Priester den Rücken zukehren. « (Assekrem, 3. Mai 1912).

Aus solchen Gründen wollen wir uns bei der Ausbildung und geistlichen Begleitung der Laien, aber auch bei der Bildung bruderschaftlicher Gemeinschaften genügend Zeit lassen, weil wir Respekt haben gegenüber dem einer jeden Person eigenen Rhythmus. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Bruderschaft als Lebensform danach drängt, sich auszuweiten, denn sie ist gekennzeichnet von Freundschaft, Gleichberechtigung und Dialog

Das Leben in Bruderschaft weist uns einen Weg dahin, dass wir Laien auch in pastorale Leitungsfunktionen unserer Pfarreien einbinden, dass wir uns jeglichen Autoritätsfimmel oder Klerikalismus versagen, und zwar sowohl in unserem eigenen Verhalten, als auch bei den Laien, wenn sie solches passiv zulassen. Die Existenz pastoraler oder vermögensrechtlicher Räte, unterschiedliche Gemeindeteams und Pfarrversammlungen, auch gemeinsame Pastoralplanungen etc. – all das müsste deutliches Kennzeichen von Pfarreien oder pastoralen Aufgabenfeldern sein, die uns anvertraut sind.

5. EIN EUCHARISTISCH GEPRÄGTES GEISTLICHES LEBEN

Voraussetzung einer solchen Art des Evangelisierens ist für jeden von uns ein sehr tiefes geistliches Leben; wir fühlen uns gedrängt, Jesus in den Evangelien zu betrachten, um, geführt vom Hl. Geist, ihm immer ähnlicher zu werden. Dieser Geist bestärkt uns in der Dynamik einer “Kenose”, also einer Hingabe und Entäußerung, wie sie zum Geheimnis der Inkarnation gehört, indem wir vieles hintansetzen im Hinblick auf ihn und auf die Treue zum Evangelium:

dazu gehören Vorurteile, materielle Güter, Ansehen, Machtstreben, Sicherheitsbedürfnisse, etc. Diese “Kenose” gibt uns die innere Freiheit, neue Wege und neue Räume für den Missionsauftrag der Kirche zu entdecken, indem wir uns in großem Vertrauen auf den Willen des Vaters einlassen.

Unsere missionarische Dynamik, die uns drängt, schwierige Orte zu suchen und darin auszuharren, wird genährt von der Feier der Eucharistie, von der täglichen Anbetung und all den anderen Mitteln spirituellen Wachstums, die unserer Bruderschaft zu eigen sind. Sie unterstützen uns darin, uns der unendlichen Liebe Gottes zu uns zu vergewissern, seiner Treue und Barmherzigkeit, und sie geben uns Schwung bei unserem Auftrag.

Die Eucharistie als Teilen des Brotes muss für uns zur Lebensform des Teilens werden, in der wir viele persönlichen Geschichten und Gespräche miteinander austauschen, selbst mit Personen anderer religiöser Traditionen.

Für ähnliche geistliche Erfahrungen müssen wir auch bei den Laien den Boden bereiten, wenn wir unseren Pfarreien einen missionarischen Aufbruch erschließen wollen, wie er Papst Franziskus vorschwebt: als Kirche unterwegs sein, ohne Angst, sich zu verletzen oder schmutzig zu werden, um nach denen zu suchen, die fern sind und von der Gesellschaft abgelehnt werden. 8

So eröffnet uns die Eucharistie Wege zu einer kirchlichen Gemeinschaft, die sich immer mehr weitet. Bleiben wir uns dessen bewusst, dass die Evangelisierung ein gemeinsamer Auftrag der ganzen Kirche auf Diözesanebene und auf Weltebene ist. Als Diözesanpriester wollen wir die ersten sein, die sich dem Presbyterium zugehörig fühlen, mit dem Bischof als dessen Haupt, indem wir ihn beim Entwickeln und Durchführen diözesaner Projekte mit unseren Charismen und pastoralen Akzenten unterstützen.

ANREGUNGEN FÜR DIE PERSÖNLICHE BETRACHTUNG UND DAS GEBET

  1. Könnt ihr diesen Ausführungen einen weiteren Punkt hinzuzufügen?
  2. Bewegt sich meine pastorale Struktur (Pfarrei, Bildungszentrum, etc.) im Sinn dieser Ausführungen?
  3. Welchen Akzent setze ich in meinem Lebensstil, um dieser Art des Evangelisierens treu zu bleiben?

PDF: Text 4 – Der uns eigene weg einer evangelisierung – DT

Text 3. GRUNDLAGEN EINER SPIRIRITUALITÄT NACH CHARLES DE FOUCAULD

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Ab. Nabons-Wendé Honoré SAVADOGO, Burkina

Charles de Foucauld “ist einen Weg der Verwandlung gegangen, bis er sich als Bruder aller Männer und Frauen fühlte. [..] Seine Vision einer Ganzhingabe an Gott fand schließlich ihre Verwirklichung in seiner Identifikation mit den Geringsten und den Verlassenen in den Weiten der afrikanischen Wüste.” (Papst Franziskus in: Fratelli tutti, 286-287)

Die Vielfalt der geistlichen Familie Foucauld’s ist imponierend. Man findet in ihr alle Stände christlichen Lebens: gläubige Laien, kontemplative oder aktiv wirkende Ordensleute, geweihte Laien, Priester und Bischöfe. Sie alle lassen sich von der geistlichen Erfahrung Bruder Karls vielfältig und tief inspirieren; dabei übersehen wir oft Nichtchristen und selbst Areligiöse, die sich von seinen Erfahrungen ansprechen lassen.

Der Schlüssel zu dieser alle Grenzen überwindenden spirituellen Tiefe ist zuallererst die Treue zum Evangelium. Je mehr einer sein Leben ganz eng ans Evangelium gebunden gestaltet, desto mehr wird er attraktiv und maßgebend für andere Christen. Über diese seine Treue zum Evangelium hinaus gehörte Bruder Karl allen Ständen christlichen Lebens an: dem eines gläubigen Laien, der seinen Glauben zuerst verloren und dann wieder gefunden hat; dem eines kontemplativen Mönches und Einsiedlers, dem eines Priesters und Ordensmannes, der ganz freigestellt war für seine besondere missionarische Berufung. Die Tiefe seiner geistlichen Erfahrung ist eine Fundgrube für alle, die zu seiner geistlichen Familie gehören. Ihre Elemente dürfen nicht fehlen bei einer Nachfolge Jesu, die sich am foucauld’schen Modell orientiert.

1. Spiritualität des Herzens: aus Religion wird Liebe

Liebe und Barmherzigkeit nehmen den ersten Platz ein. Das Herz, Sitz und Symbol der Liebe, ist ein sichtbares Abzeichen Bruder Karls – und ein zentrales, ganz spezifisches Element seiner Spiritualität. Seit seiner Bekehrung war es sein ausgemachter Wille, sein eigenes Herz dem Herzen Jesus anzugleichen. Während seines ganzen überaus bewegten Lebens hat er alles getan, um sein Herz zu formen und zu weiten, angeregt von der Grenzenlosigkeit des Heiligsten Herzens Jesu. Diese unersättliche Liebe zu Gott und zu den Menschen ist ein Motor für alle unerwarteten Veränderungen seines Lebens. In seinem Gebet lässt er nicht nach, Jesus zu bitten, dass sein Reich der Liebe in die Welt komme. Wir kennen gut sein Gebet der Hingabe; darüber hinaus gibt noch einen Ruf, der oft über seine Lippen kam: » COR JESU sacratissimum, adveniat Regnum tuum! « (Allerheiligstes Herz Jesu, dein Reich komme!). Gern bezeichnete er das Herz und die Liebe als Grundlage von Religion und Spiritualität. In der Regel der Gemeinschaft, die er gründen wollte, steht die Aussage, die immer noch gilt für alle, die seinen Weg gehen wollen: “Seien wir brennend in der Liebe wie das Herz Jesu! … Lieben wir alle Menschen, da sie geschaffen sind nach dem Ebenbild Gottes! Seien wir wie dieses Herz, das so sehr die Menschen liebte! … Lieben wir Gott, indem wir seinen Auftrag erfüllen, die Menschen zu lieben! Ihn allein müssen wir um seiner selbst lieben. … Lieben wir Gott, wie ihn das Herz Jesu liebt, so gut wie nur möglich!” 1 Im Hinblick auf die Liebe war Charles de Foucauld davon überzeugt, dass man grenzenlos und ohne jegliche Einschränkung lieben müsse. Er drückte das so aus: “Die Liebe ist die Vollendung; alles kann man übertreiben, nicht aber die Liebe; bei der Liebe kann man nie weit genug gehen” 2.

2. Die Eucharistie: gefeiert, angebetet, gelebt

Auf Charles de Foucauld können wir einen bevorzugten Ausdruck des Zweiten Vatikanums anwenden, dass die Eucharistie Quelle und Höhepunkt einer jeglichen geistlichen Erfahrung ist. Die Gegenwart der Eucharistie ist dabei Grundlage, Pfeiler und unabdingbare Notwendigkeit. So kann man sagen, dass sein Leben zu einer einzigen gelebten Kontemplation der Eucharistie wurde. Auf spiritueller Ebene hat sie alles geprägt, was vom Anfang bis zum Ende zu seinem Leben gehörte: seine Bekehrung, sein Gebet, seine Beziehung zu Jesus, den bewegten Werdegang seiner Berufung, seine Pastoral der Güte, seine universale Bruderschaft, seine missionarische Vision, sein Leben in der Sahara, alle Momente seines Lebens, selbst seinen Tod. …

Man kann nicht ein Jünger Bruder Karl’s sein ohne eine wachsende Liebe zu Jesus, der gegenwärtig ist in der gefeierten und angebeteten Eucharistie. Trotz seiner bereits sehr großen Verehrung für die Eucharistie fasste er immer weitere Vorsätze, sie noch mehr zu lieben. Ganz wie er müssen auch wir beständig unsere Liebe zur Eucharistie weiten. Diese seine Entschlossenheit müssen wir uns zu eigen machen, die er in einer seiner vielen geistlichen Schriften so formuliert hat: “Immer zu Füßen des heiligsten Sakramentes sein, solange nicht der Wille Gottes, also eine wichtige Aufgabe, mich dazu verpflichtet, wo anders hinzugehen. … – Nie den Empfang der heiligen Kommunion verpassen, unter keinerlei Vorwand” 3.

3. Universale Bruderschaft

Der selige Charles de Foucauld hat in der Eucharistie die Quelle einer universalen Bruderschaft entdeckt. Er hat ganz klar gesehen, dass jeder Mensch auf die eine oder andere Weise ein Glied am eucharistischen Leib Christi ist; daraus hat er die Notwendigkeit abgeleitet, unterschiedslos alle Menschen zu lieben: “wir müssen unterschiedslos alle Menschen lieben, sie schätzen und respektieren, da sie alle Glieder Jesu, Teil von Jesus sind …” 4. Im Hinblick auf die Eucharistie als das Sakrament, in dem sich die Liebe Gottes am dichtesten manifestiert, ist er davon überzeugt, dass ihre Praxis uns zartfühlend, gut und voller Liebe für alle Menschen macht. Papst Franziskus hat uns mit folgenden Worten Bruder Karl als Vorbild einer gelebten Bruderschaft und universellen Freundschaft empfohlen: Charles de Foucauld “ist einen Weg der Verwandlung gegangen, bis er sich als Bruder aller Männer und Frauen fühlte. [..] Seine Vision einer Ganzhingabe an Gott fand schließlich ihre Verwirklichung in seiner Identifikation mit den Geringsten und den Verlassenen in den Weiten der afrikanischen Wüste.” (Fratelli tutti, 286-287). Eine unerbittliche Herausforderung für jeden Jünger Bruder Karls besteht in dieser Formung hin zu einem universalen Bruder, die unermüdlich danach strebt, als solcher eine grenzenlose Liebe zu allen Männern und Frauen zu leben.

4. Liebe zu den Ärmsten

Für Bruder Karl müssen die Anbetung und innige Liebe, die wir bei der Feier und in der Anbetung der hl. Eucharistie haben, zur gleichen Ehrfurcht und Zärtlichkeit zu den Armen führen. Er hatte ein Gespür dafür, dass es sich jedes Mal, wenn wir sprechen » das ist mein Leib, das ist mein Blut «, um den gleichen Herrn handelt, der im Gleichnis vom Letzten Gericht betont, dass wir alles, was wir dem Geringsten seiner Brüder getan haben, ihm selbst getan haben. Bei seinen langen Aussetzungen des Allerheiligsten in Beni Abbès verließ er den Tabernakel, um für den Zeit zu haben, der ihn gerade besuchen wollte, denn der gleiche Christus, dem er im Allerheiligsten begegnet, dem begegnet er auch im Armen, der gerade bei ihm vorbeischaut. Um bei den Ärmsten zu sein, um die Entferntesten zu finden, hat er enorme Opfer auf sich genommen: Einsamkeit, Armut, ein ungesichertes Leben, ja sogar die Unmöglichkeit, die Eucharistie zu feiern.

5. Anspruchslosigkeit des Lebens: Buße, Demut, Armut, Teilen

Um Jesus nachzuahmen, der mit der Menschwerdung und seinem Kreuzesopfer auf den letzten Platz herabgestiegen ist, hat Charles de Foucauld ein Leben in Erniedrigung und strenger Kasteiung geführt. Selbst wenn er hier und da gezwungen war, diese Abtötung zurückzustellen, ist er sein ganzes Leben ein großer Asket geblieben. In unserer spirituellen Lebensführung und in der modernen Welt haben Abtötung und Buße keinen Platz mehr; doch die Persönlichkeit Bruder Karls erinnert uns beständig an Jesu Einladung, ihm auf seinem Weg in die Erniedrigung zu folgen. Wie kann man vorgeben, zu seiner geistlichen Schule zu gehören ohne eine gewisse Dosis an Buße oder zumindest an Anspruchslosigkeit? Wir haben eine solche Genügsamkeit bitter nötig, um der Konsumflut gegensteuern zu können, die so sehr die Schönheit der Schöpfung verunstaltet und “Mutter Erde” zerstört. Eine Spiritualität der Buße und Ernsthaftigkeit ist ein wahrer Kontrapunkt zu allem überzogenen Missbrauch der Güter, die die göttliche Vorsehung uns zur Verfügung stellt.

6. Meditation der Schönheit Gottes in der Natur

Wie schon erwähnt war das Leben Bruder Karls eine beständige Betrachtung der Gegenwart Jesu in der Eucharistie und der Heiligen Schrift. Täglich verbrachte er Stunden der Versenkung in Gott, ihn schauend in einem Gebet voller Liebe und Zärtlichkeit. Er war jemand, der sich ergreifen lässt vom Glanz und der Schönheit der unendlichen Liebe Gottes. Trotz seines intensiven kontemplativen Lebens war Bruder Karl der Natur gegenüber nicht unempfindlich; in ihr entdeckte er Spuren des Glanzes göttlicher Schönheit. Sein Leben lang hat er sich diesen Sinn für die Schönheit der Schöpfung bewahrt. So sagte er einmal: “Bewundern wir die Schönheiten der Natur, die alle so bezaubernd und gut sind, denn sie sind das Werk Gottes. Sie lassen uns unmittelbar ihren Schöpfer bewundern und loben. Wenn die Natur, der Mensch, die Tugend, wenn die Seele so schön ist, wie schön muss dann der sein, dessen Schönheit sich in seinen Werken spiegelt.” (Meditation sur les psaumes, p. 66 ou: Ch. d. Foucauld, Rencontres á themes, Nouvelle Cité 2016. Chapitre: beauté)

7. Ein beständiger missionarischer Eifer

Das geistliche Leben Bruder Karls war geprägt von einem unverwüstlichen missionarischen Eifer. Vom ersten Augenblick an, als er seine Berufung als Missionar des eucharistischen Festmahls für die Ärmsten und Entferntesten entdeckte (heute würde man sagen: für die an den Rändern der Welt Lebenden), hat er nicht mehr aufgehört, für die Mission zu beten und zu arbeiten. Damit das Evangelium bekanntgemacht und verkündet wird, war er bereit, alles herzugeben, “um bis ans Ende der Welt zu gehen und bis zum letzten Tag zu leben 5. Egal, welchem Lebensstand wir angehören: können wir Bruder Karl authentisch folgen ohne den Wunsch, dass das Evangelium und die Eucharistie bis ans Ende der Welt gekannt und geliebt werden?

Um zu enden wie wir begonnen haben, lasst uns bekräftigen, dass wir bei Charles de Foucauld einer fast unerschöpflichen Spiritualität gegenüber stehen, da sie eng ans Evangelium gebunden ist. Wir haben nur einige wenige fundamentale Elemente seiner spirituellen Erfahrung herausgegriffen. Jeder ist nun selbst gefordert, sich zu hinterfragen nach dem Platz und dem Ausmaß, das diese Elemente in seinem persönlichen geistlichen Leben einnehmen. Ihre vertiefende Praxis kann ein Hinweis auf die Echtheit unserer Treue zu diesen geistlichen Erfahrungen Bruder Karls sein.

Ouahigouya (Burkina Faso), Dezember 2020.
Ab. Savadogo Nabons-Wendé Honoré

PDF: Text 3, dt., Fundamente der Spiritualität

Text 2: Biographie. Vorbereitung auf die Heiligsprechung von Bruder Charles

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DIE WICHTIGSTEN ECKPUNKTE IM LEBEN VON CHARLES DE FOUCAULD

Ab. Nabons-Wendé Honoré SAVADOGO, Burkina Faso

Ein Waisenkind, von Liebe umfangen

Charles-Eugène de Foucauld wurde am 15. September 1858 in Straßburg als Sohn von François Édouard, einem stellvertretenden Inspektor für das Wasser- und Forstwesen, und Elisabeth Marie Beaudet de Morlet geboren. Er hatte nur eine jüngere Schwester, Marie, geboren am 13. August 1861. Charles’ Kindheit war von traurigen Ereignissen geprägt. 1864, im Alter von 6 Jahren, verlor er am 13. März seine Mutter infolge einer Fehlgeburt, am 9. August seinen Vater und im Oktober auch noch seinen Großvater väterlicherseits. Charles und seine Schwester kamen in die Obhut ihres Großvaters Colonel de Morlet, wo sie eine liebevolle Kindheit erlebten, die auch von der Zuneigung der Familie ihrer Tante väterlicherseits, den Moitessiers, geprägt war. Besonders Charles baute eine innige Freundschaft mit seiner Cousine Marie Moitessier auf, die bei seiner menschlichen und spirituellen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielen würde. Sein Großvater sorgte für eine gute christliche Erziehung: Am 27. April 1872 empfing er seine Erstkommunion und seine Firmung.

Sein Glaubensverlust

1872 trat Charles ins Lycée in Nancy und 1876 in die Militärschule von Saint-Cyr ein und verlor für ca. 12 Jahre seinen Glauben. Diese Phase seines Lebens war von Exzessen und Verhaltensauffälligkeiten geprägt. Der Tod seines Großvaters am 3. Februar 1878 verschlimmerte seinen Zustand noch weiter. Charles versank in einem Sumpf aus Trägheit, Müßiggang, Langeweile, Disziplinlosigkeit, Mittelmäßigkeit, exzessivem Feiern und wahnwitzigen finanziellen Ausgaben. Er begann auch eine Beziehung mit einer Frau, Marie C, und machte sie zu seiner Konkubine.

Als wenig disziplinierter, wenngleich wagemutiger Soldat langweilte sich Charles in der Armee und nahm schließlich 1882 seinen Abschied, um sich fortan der Erforschung von Marokko zu widmen. Durch die glänzenden Erfolge seiner Forschungsarbeiten gewann er die Achtung und Bewunderung seiner Familie und der Gesellschaft zurück. All dem wohnt nun auch ein moralisches und religiöses Streben inne. Die Warmherzigkeit und Religiosität seiner Familie waren ihm bei seiner nun immer stärker werdenden Suche nach dem Glauben eine Unterstützung: „Mein Gott, wenn es Dich gibt, dann lass mich Dich erkennen!“ Er trifft sich in der Kirche Saint-Augustin in Paris mit Abbé Huvelin, um mit ihm über religiöse Fragen zu diskutieren, aber dieser lädt ihn zum Empfang der heiligen Kommunion und zur Beichte ein. So fand Charles de Foucauld Ende Oktober 1885 zum Glauben zurück, und seine Verbindung mit Gott wird mehr und mehr von Liebe, Zärtlichkeit und völliger Hingabe an Gott erfüllt sein.

Ein Trappist und unbeugsamer Nachahmer des Jesus von Nazareth

Enttäuscht, weil er im Trappistenkloster nicht die bittere Armut des Jesus von Nazareth finden konnte, und begierig danach, eine Kongregation zu gründen, in der er dieses Ideal in Vollkommenheit leben konnte, gab er das Trappistendasein im Jänner 1897 auf. Von seinem geistlichen Begleiter Abbé Henri Huvelin angeleitet, begab er sich ins Heilige Land und wurde Hausbursche bei den Armen Klarissen in Nazareth. Auf diese Weise wollte er das verborgene Leben des armen Jesus nachahmen, alles Weltliche hinter sich lassen und sich selbst den letzten Platz zuweisen.

Die Entdeckung seiner priesterlichen und missionarischen Berufung

Fast drei Jahre brachte Charles de Foucauld mit täglich stundenlanger eucharistischer Anbetung, Betrachtung des Evangeliums und theologischer Lektüre zu. Im Zuge dessen kommt er zu einer maßgeblich neuen Sicht auf seine Berufung und auf das Sakrament der Eucharistie. Seine wichtigste Erkenntnis ist, dass nichts hier auf Erden Gott so verherrlicht wie die Gegenwart und die Opfergabe der heiligen Eucharistie. Er ist darüberhinaus überzeugt, dass kein Mensch Jesus vollkommener nachahmen kann als durch das Darbringen des Messopfers oder das Spenden der Sakramente. Charles kehrte nach Notre-Dame des Neiges zurück, um sich auf die Priesterweihe vorzubereiten. Die Exerzitien für die Diakonats- und Priesterweihe trugen zu seiner Überzeugung bei, dass die Eucharistie ein Festmahl ist, zu dem die Allerärmsten eingeladen werden sollen. Es sei erforderlich, mit allen Menschen in einer universellen Gemeinschaft zu leben, besonders mit jenen, die am weitesten entfernt sind. Von diesem Zeitpunkt an sollte er seiner Berufung, Jesus von Nazareth nachzuahmen, nicht mehr im Heiligen Land folgen, sondern inmitten der am meisten vernachlässigten Schafe, nämlich jener in Marokko.

Der Evangelisierung der Sahara durch Freundschaft und Güte den Boden bereiten Nach seiner Weihe zum Diözesanpriester am 9. Juni 1901 am Priesterseminar von Viviers zog es ihn nach Marokko, wo er sich in Beni-Abbès an der Grenze zwischen Algerien und Marokko niederließ. In der Sahara versuchte Bruder Charles durch Freundschaft und Güte den Boden für eine Evangelisierung zu bereiten. In Beni-Abbès begann er ein intensiv kontemplatives Leben zu führen und war auf brüderliche Weise für alle da, die seine Fraternität aufsuchten: die Karawanen, die Soldaten und Offiziere, die einfachen Reisenden, die Sklaven und vor allem die Allerärmsten und Verzweifeltsten.

Um den Tuareg das Evangelium nahezubringen, unternahm er pastorale Reisen und schloss sich dafür militärischen Erkundungstouren an. Er wollte auf diese Weise das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen und Freundschaft mit den Menschen schließen. Später, im Mai 1905, ließ er sich bei den Tuareg in Tamanrasset nieder und begab sich von dort aus auf weitere pastorale Reisen. Er tauchte in ihre Kultur ein, indem er ihre Sprache erlernte und sich mit ihrer Lebensweise vertraut machte, und er übersetzte das Evangelium und einige Passagen des Alten Testaments in die Tuareg-Sprache. Charles führte auch bedeutende linguistische Forschungen durch, darunter die Erstellung einer elementaren Grammatik und zweier Wörterbücher, Tuareg-Französisch und Französisch-Tuareg. Ungeachtet vieler Schwierigkeiten hat Charles sein Dasein unter den Tuareg, das er mit diesen Worten zusammenfasste, nicht aufgegeben:

Am wichtigsten ist es, Jesus in ihre Mitte zu bringen, Jesus im allerheiligsten Sakrament, Jesus, der jeden Tag im heiligen Messopfer zu uns herabkommt; auch Gebete sollen sie kennenlernen, das Gebet der Kirche, mag derjenige, der es ihnen bringt, auch noch so erbärmlich sein … dann soll diesen unwissenden Menschen gezeigt werden, dass Christen nicht so sind, wie sie es sich vorstellen, dass wir vielmehr glauben, lieben, hoffen; schlussendlich soll in diesen Seelen Vertrauen und Freundschaft geweckt werden, um sie zu zähmen und sie, wenn möglich, als Freunde zu gewinnen; damit, nachdem der Boden einmal bereitet worden ist, andere diesen Menschen noch mehr Gutes tun können1.

Bei den Tuareg sollte Charles de Foucauld auch sterben – am Freitag, den 1. Dezember 1916 wurde er von Senussiten ermordet, die gekommen waren, um seine Einsiedelei zu plündern und ihn als Geisel zu nehmen. Am 13. November 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. selig- und am … 2021 von Papst Franziskus heiliggesprochen.

DIE BEDEUTUNG DER SPIRITUALITÄT VON CHARLES DE FOUCAULD

Eine große Schar an „Gefolgsleuten”

In den 15 Jahren seines pastoralen Wirkens in der Sahara konnte Charles de Foucauld nur wenige Menschen bekehren. Seinem brennenden Wunsch, eine Kongregation zu gründen, die sich der vollkommenen Nachahmung des Jesus von Nazareth verschreiben würde, war kein Erfolg beschieden. Ungeachtet dieses offenkundigen Scheiterns wurden Leben und Tod von Bruder Charles von Gott fruchtbar gemacht. So sind viele Jünger Christi von seiner Spiritualität inspiriert worden, die auf dem Feiern, Anbeten und authentischem Leben der Eucharistie, der universalen Bruderschaft, dem täglichen Hören und Betrachten des Evangeliums, der absoluten und vertrauensvollen Hingabe an den Willen des Vaters, dem brennenden Verlangen, Christus zu den Allerärmsten und am weitesten Entfernten zu bringen, gründet.

Verwandlung durch die Eucharistie

Charles de Foucaulds Spiritualität ist wie ein Licht, das der Herr heute seiner Kirche anbietet, um sie auf ihrem Weg zu erleuchten. Die leidenschaftliche eucharistische Andacht, die er uns vermittelt, ist ein wirksamer Weg, unsere eucharistischen Feiern und Anbetungen in der Erneuerung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu leben. Wenn man bei Bruder Charles in die Schule gegangen ist, kann man nicht an der Eucharistie teilnehmen, ohne in einer tiefen Gemeinschaft mit Christus zu leben, die uns für alle Menschen offen macht, vor allem für die Ärmsten und Entferntesten. Sein Beispiel der eucharistischen Anbetung lädt uns ein, auf das Wort Gottes zu hören, um durch das Nachahmen der Tugenden Jesus‘ verwandelt zu werden.

Ein Evangelisierungsmodell in einer von Säkularismus und religiösem Fundamentalismus geprägten Situation

Die Bedeutung von Bruder Charles drückt sich auch in seinem Evangelisierungsmodell aus. Inmitten einer zutiefst muslimischen Umgebung, in der er nicht offen zum Glauben an Jesus einladen konnte, wollte Charles de Foucauld seinen Meister verkünden, indem er allen, die ihm begegneten, Güte und Freundschaft entgegenbrachte. Ist es nicht dieses brüderliche, gütige und sanfte Da-Sein, das wir brauchen, um in unserer zunehmend säkularisierten Welt Zeugnis für Jesus abzulegen?

Bruder Charles erlebte die Radikalisierung seiner muslimischen Brüder: „Es ist die Islamisierung von Hoggar, […] Das ist eine ernst zu nehmende Tatsache […] in einigen Jahren wird es zu einer tiefen und andauernden Feindschaft kommen, wenn der Einfluss der Tuatian-Moslems die Oberhand gewinnt …”2. Bruder Charles‘ Einstellung zu dem heute so verbreiteten religiösen Fundamentalismus ist für uns aktueller und inspirierender denn je. Ob wir nun im Dialog oder in Freundschaft mit Muslimen stehen oder Opfer von Fundamentalismus sind – es braucht Freundschaft, Dialog, klares Wissen über den anderen, um ihn zu „verstehen“, und Güte und zärtliche Liebe, um die Einheit der Herzen voranzutreiben.

Schutzheiliger der Peripherien und der universalen Bruderschaft

Das Lehramt von Papst Franziskus lädt uns ein, zu den Menschen an den existenziellen Rändern hinzugehen, um sie alle, besonders die am weitesten Entfernten und Ausgeschlossenen zu unseren Brüdern und Schwestern zu machen. In Bruder Charles finden wir den Experten, den Schutzheiligen der „Peripherien“ und der universalen Bruderschaft. Das ist es, was er gelebt und gelehrt hat. „Wir müssen alle Menschen gleich lieben, Reiche und Arme, Glückliche und Unglückliche, Gesunde und Kranke, Gute und Böse, weil sie alle Teil des mystischen Leibes Christi (nah oder fern) und deshalb Teil von Jesus sind, ein Stück von ihm, also unendlich verehrungswürdig, liebenswert und heilig“3.

Ein himmlischer Freund, der uns begleitet und herausfordert

Charles de Foucauld ist heute vor allem deshalb so bedeutend, weil sein Bei-Gott-Sein, inmitten der großen Schar der Heiligen, die Erfüllung der universalen Bruderschaft ist, nach der er so sehr gesucht hat. Sein Teilhaben an der Herrlichkeit und der Fürsprache Christi macht ihn für uns Tag für Tag so gegenwärtig und wirkmächtig in unserem Leben und dem der Kirche. Jeder von uns kann sich die Frage stellen: Welche Früchte hat die Freundschaft mit Bruder Charles in meinem Leben hervorgebracht? Gibt es Seiten meines Lebens, die zu verändern mich Bruder Charles herausfordert?

Heiliger Charles, bete für uns!

Heiliger Charles, bete für uns, hilf uns dabei, uns dem Vater vollkommen hinzugeben, „ohne Maßen, mit unendlichem Vertrauen“, weil er unser Vater ist, und du, du bist unser Freund. Heiliger Charles de Foucauld, bete für uns!

PDF: Text 2, DEUT, Biographie

Text 1, Heiligsprechung, Vorbereitung der Heiligsprechung von Bruder Charles

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IESUS CARITAS PRIESTLY FRATERNITY

Vorbereitung der Heiligsprechung von Bruder Charles

Thema 1: Die Heiligsprechung von Bruder Charles und unsere Option für die Armen

Fr. Fernando Tapia
International Team

„Die Pandemie hat die schwierige Situation der Armen und die große Ungleichheit, die auf der Welt herrscht, aufgezeigt“, hat Papst Franziskus am 19. August gesagt. Und er fügte dann noch hinzu: „Obwohl das Virus keinen Unterschied zwischen den Menschen macht, ist ihm auf seinem zerstörerischen Weg große Ungleichheit und Diskriminierung begegnet. Und es hat sie noch vermehrt!“ In anderen Worten: die Armen leiden heute mehr denn je, aufgrund fehlender Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit und Hunger.

Der Heilige Vater hat erkannt, dass die Antwort auf die Pandemie zweierlei umfassen muss. Auf der einen Seite „ist es essentiell, ein Heilmittel für ein kleines, aber schreckliches Virus, das die ganze Welt in die Knie zwingt, zu finden“. Und er fährt fort: „Wir müssen auch noch ein Heilmittel für ein großes Virus, nämlich jenes der sozialen Ungerechtigkeit, der Chancenungleichheit, der Marginalisierung und des fehlenden Schutzes der Schwächsten finden.“ Diese Situation treibt uns dazu an, unsere dem Evangelium gemäße Option für die Armen zu bekräftigen.

Franziskus hat in seiner Katechese gesagt: „Glaube, Hoffnung und Liebe drängen uns zu diesem vorrangigen Blick auf die Bedürftigsten, der über die notwendige konkrete Unterstützung hinausgeht. Es geht darum, dass wir den Weg gemeinsam mit ihnen gehen, dass wir uns von ihnen, die den leidenden Christus nur allzu gut kennen, evangelisieren lassen, uns von ihrer Erfahrung des Heils, ihrer Weisheit und Kreativität „anstecken“ zu lassen. Mit den Armen zu teilen bedeutet, einander gegenseitig zu bereichern. Und wenn es kranke soziale Strukturen gibt, die sie daran hindern, von der Zukunft zu träumen, müssen wir zusammenarbeiten, um diese Strukturen zu heilen und zu verändern.” (Wer würde in diesen Worten nicht Bruder Charles’ Evangelisierungsweg erkennen?)

Der Heilige Vater bekräftigt, dass „die Pandemie eine Krise ist, und aus einer Krise geht man verändert hervor: wir werden entweder besser oder schlechter. Wir sollten als bessere Menschen daraus hervorgehen, um der sozialen Ungerechtigkeit und der Umweltzerstörung Einhalt zu gebieten.“

Dass die Heiligsprechung von Bruder Charles gerade in diesem Kontext stattfindet, ist kein Zufall. Durch dieses Gnadenereignis möchte Gott für alle Menschen einen Mann sichtbar machen, einen Gläubigen, einen Priester, einen Missionar, der sich mit Leib und Seele den Ärmsten und Zurückgelassensten seiner Zeit verschrieben hat: den Tuaregs. Er wurde einer von ihnen, ging an ihrer Seite, ließ sich von ihnen evangelisieren. Heiligkeit zeichnet sich heute durch die vorrangige Option für die Armen aus.

Wenn wir die Heiligsprechung von Bruder Charles so gut wie möglich vorbereiten und feiern möchten, dann geht es nicht darum, Bruder Charles zu glorifizieren, sondern in der ganzen Kirche die aktive und proaktive Liebe zu den Geringsten zu stärken, was heute notwendiger denn je ist. Der Papst sagt in Evangelii Gaudium: „Die eigentliche Schönheit des Evangeliums kann von uns nicht immer angemessen zum Ausdruck gebracht werden, doch es gibt ein Zeichen, das niemals fehlen darf: die Option für die Geringsten, für diejenigen, welche die Gesellschaft aussondert und zurückweist.” (EG, 195).

Uns, der geistlichen Familie von Bruder Charles, wurde die Gnade seines Charismas zuteil, das im Kontext dieser Pandemie von besonderer Aktualität und Gültigkeit ist. Wir dürfen es nicht verbergen, vernachlässigen oder fruchtlos sein lassen. „Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist“, sagte der heilige Paulus zu Timotheus (2 Tim 1:6). Das ist die Einladung, die unser Bruder Charles und unser Herr Jesus Christus an uns richten, dass wir zur großen Erneuerung der Kirche beitragen sollen, die der Heilige Geist heute durch Papst Franziskus vorantreibt. Deshalb ruht auf uns eine große Verantwortung.

Zur Reflexion und zum Gebet allein oder in der Gruppe
• Sehe ich die Verbindung zwischen der Option für die Armen, der Erneuerung innerhalb der Kirche und der Heiligsprechung von Bruder Charles?
• Was in mir bedarf der Bekehrung, zu der der Herr mich durch diese Heiligsprechung einlädt?
• Was kann ich dazu beitragen, damit die Heiligsprechung all jene Früchte trägt, die Gott sich davon erwartet?

PDF: Text 1, Heiligsprechung, Vorbereitung der Heiligsprechung von Bruder Charles dt

Alles ist Gnade. Abschiedsbrief van Antoine CHATELARD

Alles ist Gnade! Es ist so, dass wir diesmal sowohl WEIHNACHTEN als auch das Neue Jahr mit Covid 19 feiern. Edouard und Paul-François sind gestern, also Montag Abend, positiv getestet worden, Immanuel und ich negativ, nachdem uns am 16./17. Dezember eine Nichte Edouards besucht hat, die aus Paris kam. Wir müssen uns also in einer ganz neuen Situation zurechtfinden ohne Ahnung, was die kommenden Tage uns bringen.

Vielen Dank für Eure Nachrichten und Weihnachtswünsche. Sie sind starke Zeichen nach langem Schweigen, das gewiss in den Ereignissen dieses besonderen Jahres begründet ist, das all unsere normalen Gewohnheiten und Beziehungen in Frage gestellt hat. Darin werden auf ungewöhnliche Art und Weise Erinnerungen an vergangene Jahre lebendig, die sich auswirkten auf verschiedene Gedenkfeiern zugunsten geschichtlicher Persönlichkeiten, von denen ich nichts mitbekam, da ich fern von Frankreich und ohne ausreichende Informationen war, – die habe ich nun bekommen.

All denen, die sich Fragen stellen zu meinen Tätigkeiten und zu meinem neuen Buch, kann ich sagen, dass es erst dann erscheinen wird, wenn das Datum der Kanonisation bekannt gegeben wird, aus offensichtlichen Gründen der Vermarktung. Es liegt seit über einem Jahr dem Verlag vor. In diesem Buch geht es nur um Charles de Foucauld in Tamanrasset. Ich beginne mit seinem Aufenthalt auf dem Assekrem für einige Monate des Jahres 1911; diese Zeitspanne lässt viele Fragen aufkommen über seine wahren Motive. Danach kommt ein Kapitel über seine Tätigkeiten in Tamanrasset im Jahr danach (1912); es ist ein typisches Jahr dafür, wie er die Ereignisse in der Welt wahrnimmt. Das dritte Kapitel beschäftigt sich nur mit seiner für 1913 geplanten Reise nach Marseille, zusammen mit einem jungen Targui1, über den man bis in die neuesten Veröffentlichungen hinein noch nie ein Wort verloren hat. Schließlich geht es im letzten Kapitel um einen einzigen Tag in Tamanrasset, den 1. Dezember 1913, der uns erlaubt, ihn in seinen unterschiedlichen Beschäftigungen zu erleben, indem ich versuche, seinem neu konzipierten Zeitplan nachzuspüren.

Das alles soll nur eine Hinführung zu anderen Themen sein, die es wert sind, hervorgehoben zu werden, da sie einen Blick erlauben auf eine ungewohnte Art von Heiligkeit. Ich bekomme gerade mit, wie unser Papst Franziskus nicht einfach seine Enzyklika Tutti fratelli2 mit einem Hinweis auf Charles de Foucauld beendet, sondern darüber hinaus eine Biografie des künftigen Heiligen allen Mitgliedern der Kurie zukommen lässt, ohne ihnen zu sagen, um welches Buch es sich dabei handelt. Sein

Hinweis auf ihn am Ende von “Fratelli Tutti” ermutigte mich, bei meiner Arbeit am Ball zu bleiben, um mit noch mehr Einzelheiten deutlich zu machen, wie sich sein brüderliches Leben mit den Frauen und Männern abspielte, die er so sehr liebte; natürlich nicht nur an einem einzigen Tag, sondern alle weiteren Tage seines restlichen Lebens. Es sind Hunderte von Menschen zu ihm gekommen, in eine Hütte, die er schon “Bruderschaft” nannte, als er noch allein lebte und nur davon träumte, irgendwann einmal Jünger um sich zu sammeln.

In den ersten Jahren notierte er auf losen Blättern nur die Namen derer, die er mit kleinen Hilfen unterstützte; sie sind bis heute in keiner Ausgabe seiner Hefte zu finden. Das ist dennoch nicht unwichtig, denn es weist uns auf Hunderte von Menschen hin, denen er in diesen ersten Jahren begegnet ist. Während seiner letzten drei Jahre hat er dagegen zu jedem Namen auch das Datum genannt und man kann mitzählen, wie manche Besucher hunderte Male vorbeikamen. Diese Zahlen sind bedeutsam, um zu verstehen, wie wichtig ihm diese Besuche waren, zu denen man die andern noch dazu zählen muss, bei denen er selbst zu den anderen ging.

Er, der sich anfangs kaum hundert Meter von seiner Hütte wegbewegte, er zögert nicht mehr, Kilometer zu marschieren, um Kranke zu besuchen, oder um ihre neuen Häuser oder Gärten zu bewundern, während er gleichzeitig sehr beschäftigt ist mit seinen Arbeiten an der Sprache, mit seinem Beten und mit seinen zahllosen Briefen. Ich möchte auch aufzeigen, dass er absolut nichts mehr unternimmt, um irgendwen zu bekehren, selbst wenn er manches Mal noch davon spricht; dennoch spürt er die Pflicht, an ihrem Heil mitzuwirken, wie auch an seinem eigenen, indem er sie liebt, so wie sie sind und wie Jesus sie liebt. So drückt sich in seinen täglichen Listen, in seinen spärlich gewordenen persönlichen Aufzeichnungen und in einigen Briefen seine Sorge um das Heil eines jeden aus.

Ich lerne beim Zählen von Namen dazu; und ich bin überrascht zu entdecken, dass viele von ihnen noch lebten, als ich 1955 nach Tamanrasset und zum Assekrem kam, und selbst noch Jahre später.

Sicher hat er unserer Kirche und der Welt von heute noch einiges zu sagen, selbst wenn das keine Schlagzeilen sind. Die offizielle und universale Anerkennung seiner Heiligkeit wird eine Stärkung all derer bedeuten, die sich überall in unserer Welt auf ihn beziehen; das gilt insbesondere auch für die Bischöfe, Priester, Laien und Ordensleute, die sich von ihm inspirieren ließen und uns bereits verlassen haben, nachdem sie ihre Rolle in der Welt gespielt haben. Diese Anerkennung wird auch ein Ansporn für die Jungen sein, die sich normalerweise nicht für Zeugen eines fernen Jahrhunderts interessieren.

Ja: Danke an unsern Papst Franziskus, der seine Enzyklika auch hätte beenden können mit einem Hinweis auf Franz von Assisi, und der uns so von Charles spricht, als ob er ihm eine gewichtige Rolle für die Zukunft unserer Kirche und der Welt zuweisen wollte – nach dieser weltweiten Pandemie, die nun seine Heiligsprechung hinausschiebt. Man hat noch nie so viel von unserem Seligen gesprochen wie in den letzten Tagen seit dem Tod von Msgr. Teissier3; er starb genau an dessen Fest. Der Botschafter Algeriens in Frankreich hat sich fast prophetisch geäußert, als er von ihm als einem Heiligen und einem Landsmann sprach. Die Heiligsprechung wird den Zeremonien von Lyon und von “Unserer Lieben Frau von Afrika”4 nichts Wesentliches mehr hinzufügen. Viele haben die Zeitschrift “En Dialogue” (Heft Nr. 14) gesehen mit einem Beitrag über “Charles de Foucauld und die Muslime”; sie ist unmittelbar vor diesen Ereignissen erschienen.

Für mich muss ich akzeptieren, dass mein Älterwerden meine Möglichkeiten nicht verbessert, mich da- und dorthin zu begeben, trotz Krankengymnastik. Ich muss zugeben, dass die aktuellen Ereignisse mich mehr beschäftigen als meine Arbeiten zu Charles de Foucauld und die ferne Möglichkeit, das Erscheinen meines Buches noch zu erleben; trotz all der vielen Fragen, die von überall her kommen, auch aus Tamanrasset oder aus Algerien, die mich verpflichten, auf ganz konkrete Punkte zu antworten, was mich nicht von seiner Geschichte loskommen lassen will.

Jedem von Euch ein Frohes Weihnachtsfest und ein besseres Jahr 2021
Antoine

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