Text 3. GRUNDLAGEN EINER SPIRIRITUALITÄT NACH CHARLES DE FOUCAULD

Ab. Nabons-Wendé Honoré SAVADOGO, Burkina

Charles de Foucauld „ist einen Weg der Verwandlung gegangen, bis er sich als Bruder aller Männer und Frauen fühlte. [..] Seine Vision einer Ganzhingabe an Gott fand schließlich ihre Verwirklichung in seiner Identifikation mit den Geringsten und den Verlassenen in den Weiten der afrikanischen Wüste.“ (Papst Franziskus in: Fratelli tutti, 286-287)

Die Vielfalt der geistlichen Familie Foucauld’s ist imponierend. Man findet in ihr alle Stände christlichen Lebens: gläubige Laien, kontemplative oder aktiv wirkende Ordensleute, geweihte Laien, Priester und Bischöfe. Sie alle lassen sich von der geistlichen Erfahrung Bruder Karls vielfältig und tief inspirieren; dabei übersehen wir oft Nichtchristen und selbst Areligiöse, die sich von seinen Erfahrungen ansprechen lassen.

Der Schlüssel zu dieser alle Grenzen überwindenden spirituellen Tiefe ist zuallererst die Treue zum Evangelium. Je mehr einer sein Leben ganz eng ans Evangelium gebunden gestaltet, desto mehr wird er attraktiv und maßgebend für andere Christen. Über diese seine Treue zum Evangelium hinaus gehörte Bruder Karl allen Ständen christlichen Lebens an: dem eines gläubigen Laien, der seinen Glauben zuerst verloren und dann wieder gefunden hat; dem eines kontemplativen Mönches und Einsiedlers, dem eines Priesters und Ordensmannes, der ganz freigestellt war für seine besondere missionarische Berufung. Die Tiefe seiner geistlichen Erfahrung ist eine Fundgrube für alle, die zu seiner geistlichen Familie gehören. Ihre Elemente dürfen nicht fehlen bei einer Nachfolge Jesu, die sich am foucauld’schen Modell orientiert.

1. Spiritualität des Herzens: aus Religion wird Liebe

Liebe und Barmherzigkeit nehmen den ersten Platz ein. Das Herz, Sitz und Symbol der Liebe, ist ein sichtbares Abzeichen Bruder Karls – und ein zentrales, ganz spezifisches Element seiner Spiritualität. Seit seiner Bekehrung war es sein ausgemachter Wille, sein eigenes Herz dem Herzen Jesus anzugleichen. Während seines ganzen überaus bewegten Lebens hat er alles getan, um sein Herz zu formen und zu weiten, angeregt von der Grenzenlosigkeit des Heiligsten Herzens Jesu. Diese unersättliche Liebe zu Gott und zu den Menschen ist ein Motor für alle unerwarteten Veränderungen seines Lebens. In seinem Gebet lässt er nicht nach, Jesus zu bitten, dass sein Reich der Liebe in die Welt komme. Wir kennen gut sein Gebet der Hingabe; darüber hinaus gibt noch einen Ruf, der oft über seine Lippen kam: » COR JESU sacratissimum, adveniat Regnum tuum! « (Allerheiligstes Herz Jesu, dein Reich komme!). Gern bezeichnete er das Herz und die Liebe als Grundlage von Religion und Spiritualität. In der Regel der Gemeinschaft, die er gründen wollte, steht die Aussage, die immer noch gilt für alle, die seinen Weg gehen wollen: „Seien wir brennend in der Liebe wie das Herz Jesu! … Lieben wir alle Menschen, da sie geschaffen sind nach dem Ebenbild Gottes! Seien wir wie dieses Herz, das so sehr die Menschen liebte! … Lieben wir Gott, indem wir seinen Auftrag erfüllen, die Menschen zu lieben! Ihn allein müssen wir um seiner selbst lieben. … Lieben wir Gott, wie ihn das Herz Jesu liebt, so gut wie nur möglich!“ 1 Im Hinblick auf die Liebe war Charles de Foucauld davon überzeugt, dass man grenzenlos und ohne jegliche Einschränkung lieben müsse. Er drückte das so aus: „Die Liebe ist die Vollendung; alles kann man übertreiben, nicht aber die Liebe; bei der Liebe kann man nie weit genug gehen“ 2.

2. Die Eucharistie: gefeiert, angebetet, gelebt

Auf Charles de Foucauld können wir einen bevorzugten Ausdruck des Zweiten Vatikanums anwenden, dass die Eucharistie Quelle und Höhepunkt einer jeglichen geistlichen Erfahrung ist. Die Gegenwart der Eucharistie ist dabei Grundlage, Pfeiler und unabdingbare Notwendigkeit. So kann man sagen, dass sein Leben zu einer einzigen gelebten Kontemplation der Eucharistie wurde. Auf spiritueller Ebene hat sie alles geprägt, was vom Anfang bis zum Ende zu seinem Leben gehörte: seine Bekehrung, sein Gebet, seine Beziehung zu Jesus, den bewegten Werdegang seiner Berufung, seine Pastoral der Güte, seine universale Bruderschaft, seine missionarische Vision, sein Leben in der Sahara, alle Momente seines Lebens, selbst seinen Tod. …

Man kann nicht ein Jünger Bruder Karl’s sein ohne eine wachsende Liebe zu Jesus, der gegenwärtig ist in der gefeierten und angebeteten Eucharistie. Trotz seiner bereits sehr großen Verehrung für die Eucharistie fasste er immer weitere Vorsätze, sie noch mehr zu lieben. Ganz wie er müssen auch wir beständig unsere Liebe zur Eucharistie weiten. Diese seine Entschlossenheit müssen wir uns zu eigen machen, die er in einer seiner vielen geistlichen Schriften so formuliert hat: „Immer zu Füßen des heiligsten Sakramentes sein, solange nicht der Wille Gottes, also eine wichtige Aufgabe, mich dazu verpflichtet, wo anders hinzugehen. … – Nie den Empfang der heiligen Kommunion verpassen, unter keinerlei Vorwand“ 3.

3. Universale Bruderschaft

Der selige Charles de Foucauld hat in der Eucharistie die Quelle einer universalen Bruderschaft entdeckt. Er hat ganz klar gesehen, dass jeder Mensch auf die eine oder andere Weise ein Glied am eucharistischen Leib Christi ist; daraus hat er die Notwendigkeit abgeleitet, unterschiedslos alle Menschen zu lieben: „wir müssen unterschiedslos alle Menschen lieben, sie schätzen und respektieren, da sie alle Glieder Jesu, Teil von Jesus sind …“ 4. Im Hinblick auf die Eucharistie als das Sakrament, in dem sich die Liebe Gottes am dichtesten manifestiert, ist er davon überzeugt, dass ihre Praxis uns zartfühlend, gut und voller Liebe für alle Menschen macht. Papst Franziskus hat uns mit folgenden Worten Bruder Karl als Vorbild einer gelebten Bruderschaft und universellen Freundschaft empfohlen: Charles de Foucauld „ist einen Weg der Verwandlung gegangen, bis er sich als Bruder aller Männer und Frauen fühlte. [..] Seine Vision einer Ganzhingabe an Gott fand schließlich ihre Verwirklichung in seiner Identifikation mit den Geringsten und den Verlassenen in den Weiten der afrikanischen Wüste.“ (Fratelli tutti, 286-287). Eine unerbittliche Herausforderung für jeden Jünger Bruder Karls besteht in dieser Formung hin zu einem universalen Bruder, die unermüdlich danach strebt, als solcher eine grenzenlose Liebe zu allen Männern und Frauen zu leben.

4. Liebe zu den Ärmsten

Für Bruder Karl müssen die Anbetung und innige Liebe, die wir bei der Feier und in der Anbetung der hl. Eucharistie haben, zur gleichen Ehrfurcht und Zärtlichkeit zu den Armen führen. Er hatte ein Gespür dafür, dass es sich jedes Mal, wenn wir sprechen » das ist mein Leib, das ist mein Blut «, um den gleichen Herrn handelt, der im Gleichnis vom Letzten Gericht betont, dass wir alles, was wir dem Geringsten seiner Brüder getan haben, ihm selbst getan haben. Bei seinen langen Aussetzungen des Allerheiligsten in Beni Abbès verließ er den Tabernakel, um für den Zeit zu haben, der ihn gerade besuchen wollte, denn der gleiche Christus, dem er im Allerheiligsten begegnet, dem begegnet er auch im Armen, der gerade bei ihm vorbeischaut. Um bei den Ärmsten zu sein, um die Entferntesten zu finden, hat er enorme Opfer auf sich genommen: Einsamkeit, Armut, ein ungesichertes Leben, ja sogar die Unmöglichkeit, die Eucharistie zu feiern.

5. Anspruchslosigkeit des Lebens: Buße, Demut, Armut, Teilen

Um Jesus nachzuahmen, der mit der Menschwerdung und seinem Kreuzesopfer auf den letzten Platz herabgestiegen ist, hat Charles de Foucauld ein Leben in Erniedrigung und strenger Kasteiung geführt. Selbst wenn er hier und da gezwungen war, diese Abtötung zurückzustellen, ist er sein ganzes Leben ein großer Asket geblieben. In unserer spirituellen Lebensführung und in der modernen Welt haben Abtötung und Buße keinen Platz mehr; doch die Persönlichkeit Bruder Karls erinnert uns beständig an Jesu Einladung, ihm auf seinem Weg in die Erniedrigung zu folgen. Wie kann man vorgeben, zu seiner geistlichen Schule zu gehören ohne eine gewisse Dosis an Buße oder zumindest an Anspruchslosigkeit? Wir haben eine solche Genügsamkeit bitter nötig, um der Konsumflut gegensteuern zu können, die so sehr die Schönheit der Schöpfung verunstaltet und „Mutter Erde“ zerstört. Eine Spiritualität der Buße und Ernsthaftigkeit ist ein wahrer Kontrapunkt zu allem überzogenen Missbrauch der Güter, die die göttliche Vorsehung uns zur Verfügung stellt.

6. Meditation der Schönheit Gottes in der Natur

Wie schon erwähnt war das Leben Bruder Karls eine beständige Betrachtung der Gegenwart Jesu in der Eucharistie und der Heiligen Schrift. Täglich verbrachte er Stunden der Versenkung in Gott, ihn schauend in einem Gebet voller Liebe und Zärtlichkeit. Er war jemand, der sich ergreifen lässt vom Glanz und der Schönheit der unendlichen Liebe Gottes. Trotz seines intensiven kontemplativen Lebens war Bruder Karl der Natur gegenüber nicht unempfindlich; in ihr entdeckte er Spuren des Glanzes göttlicher Schönheit. Sein Leben lang hat er sich diesen Sinn für die Schönheit der Schöpfung bewahrt. So sagte er einmal: „Bewundern wir die Schönheiten der Natur, die alle so bezaubernd und gut sind, denn sie sind das Werk Gottes. Sie lassen uns unmittelbar ihren Schöpfer bewundern und loben. Wenn die Natur, der Mensch, die Tugend, wenn die Seele so schön ist, wie schön muss dann der sein, dessen Schönheit sich in seinen Werken spiegelt.“ (Meditation sur les psaumes, p. 66 ou: Ch. d. Foucauld, Rencontres á themes, Nouvelle Cité 2016. Chapitre: beauté)

7. Ein beständiger missionarischer Eifer

Das geistliche Leben Bruder Karls war geprägt von einem unverwüstlichen missionarischen Eifer. Vom ersten Augenblick an, als er seine Berufung als Missionar des eucharistischen Festmahls für die Ärmsten und Entferntesten entdeckte (heute würde man sagen: für die an den Rändern der Welt Lebenden), hat er nicht mehr aufgehört, für die Mission zu beten und zu arbeiten. Damit das Evangelium bekanntgemacht und verkündet wird, war er bereit, alles herzugeben, „um bis ans Ende der Welt zu gehen und bis zum letzten Tag zu leben 5. Egal, welchem Lebensstand wir angehören: können wir Bruder Karl authentisch folgen ohne den Wunsch, dass das Evangelium und die Eucharistie bis ans Ende der Welt gekannt und geliebt werden?

Um zu enden wie wir begonnen haben, lasst uns bekräftigen, dass wir bei Charles de Foucauld einer fast unerschöpflichen Spiritualität gegenüber stehen, da sie eng ans Evangelium gebunden ist. Wir haben nur einige wenige fundamentale Elemente seiner spirituellen Erfahrung herausgegriffen. Jeder ist nun selbst gefordert, sich zu hinterfragen nach dem Platz und dem Ausmaß, das diese Elemente in seinem persönlichen geistlichen Leben einnehmen. Ihre vertiefende Praxis kann ein Hinweis auf die Echtheit unserer Treue zu diesen geistlichen Erfahrungen Bruder Karls sein.

Ouahigouya (Burkina Faso), Dezember 2020.
Ab. Savadogo Nabons-Wendé Honoré

PDF: Text 3, dt., Fundamente der Spiritualität