Text 2: Biographie. Vorbereitung auf die Heiligsprechung von Bruder Charles

DIE WICHTIGSTEN ECKPUNKTE IM LEBEN VON CHARLES DE FOUCAULD

Ab. Nabons-Wendé Honoré SAVADOGO, Burkina Faso

Ein Waisenkind, von Liebe umfangen

Charles-Eugène de Foucauld wurde am 15. September 1858 in Straßburg als Sohn von François Édouard, einem stellvertretenden Inspektor für das Wasser- und Forstwesen, und Elisabeth Marie Beaudet de Morlet geboren. Er hatte nur eine jüngere Schwester, Marie, geboren am 13. August 1861. Charles’ Kindheit war von traurigen Ereignissen geprägt. 1864, im Alter von 6 Jahren, verlor er am 13. März seine Mutter infolge einer Fehlgeburt, am 9. August seinen Vater und im Oktober auch noch seinen Großvater väterlicherseits. Charles und seine Schwester kamen in die Obhut ihres Großvaters Colonel de Morlet, wo sie eine liebevolle Kindheit erlebten, die auch von der Zuneigung der Familie ihrer Tante väterlicherseits, den Moitessiers, geprägt war. Besonders Charles baute eine innige Freundschaft mit seiner Cousine Marie Moitessier auf, die bei seiner menschlichen und spirituellen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielen würde. Sein Großvater sorgte für eine gute christliche Erziehung: Am 27. April 1872 empfing er seine Erstkommunion und seine Firmung.

Sein Glaubensverlust

1872 trat Charles ins Lycée in Nancy und 1876 in die Militärschule von Saint-Cyr ein und verlor für ca. 12 Jahre seinen Glauben. Diese Phase seines Lebens war von Exzessen und Verhaltensauffälligkeiten geprägt. Der Tod seines Großvaters am 3. Februar 1878 verschlimmerte seinen Zustand noch weiter. Charles versank in einem Sumpf aus Trägheit, Müßiggang, Langeweile, Disziplinlosigkeit, Mittelmäßigkeit, exzessivem Feiern und wahnwitzigen finanziellen Ausgaben. Er begann auch eine Beziehung mit einer Frau, Marie C, und machte sie zu seiner Konkubine.

Als wenig disziplinierter, wenngleich wagemutiger Soldat langweilte sich Charles in der Armee und nahm schließlich 1882 seinen Abschied, um sich fortan der Erforschung von Marokko zu widmen. Durch die glänzenden Erfolge seiner Forschungsarbeiten gewann er die Achtung und Bewunderung seiner Familie und der Gesellschaft zurück. All dem wohnt nun auch ein moralisches und religiöses Streben inne. Die Warmherzigkeit und Religiosität seiner Familie waren ihm bei seiner nun immer stärker werdenden Suche nach dem Glauben eine Unterstützung: „Mein Gott, wenn es Dich gibt, dann lass mich Dich erkennen!“ Er trifft sich in der Kirche Saint-Augustin in Paris mit Abbé Huvelin, um mit ihm über religiöse Fragen zu diskutieren, aber dieser lädt ihn zum Empfang der heiligen Kommunion und zur Beichte ein. So fand Charles de Foucauld Ende Oktober 1885 zum Glauben zurück, und seine Verbindung mit Gott wird mehr und mehr von Liebe, Zärtlichkeit und völliger Hingabe an Gott erfüllt sein.

Ein Trappist und unbeugsamer Nachahmer des Jesus von Nazareth

Enttäuscht, weil er im Trappistenkloster nicht die bittere Armut des Jesus von Nazareth finden konnte, und begierig danach, eine Kongregation zu gründen, in der er dieses Ideal in Vollkommenheit leben konnte, gab er das Trappistendasein im Jänner 1897 auf. Von seinem geistlichen Begleiter Abbé Henri Huvelin angeleitet, begab er sich ins Heilige Land und wurde Hausbursche bei den Armen Klarissen in Nazareth. Auf diese Weise wollte er das verborgene Leben des armen Jesus nachahmen, alles Weltliche hinter sich lassen und sich selbst den letzten Platz zuweisen.

Die Entdeckung seiner priesterlichen und missionarischen Berufung

Fast drei Jahre brachte Charles de Foucauld mit täglich stundenlanger eucharistischer Anbetung, Betrachtung des Evangeliums und theologischer Lektüre zu. Im Zuge dessen kommt er zu einer maßgeblich neuen Sicht auf seine Berufung und auf das Sakrament der Eucharistie. Seine wichtigste Erkenntnis ist, dass nichts hier auf Erden Gott so verherrlicht wie die Gegenwart und die Opfergabe der heiligen Eucharistie. Er ist darüberhinaus überzeugt, dass kein Mensch Jesus vollkommener nachahmen kann als durch das Darbringen des Messopfers oder das Spenden der Sakramente. Charles kehrte nach Notre-Dame des Neiges zurück, um sich auf die Priesterweihe vorzubereiten. Die Exerzitien für die Diakonats- und Priesterweihe trugen zu seiner Überzeugung bei, dass die Eucharistie ein Festmahl ist, zu dem die Allerärmsten eingeladen werden sollen. Es sei erforderlich, mit allen Menschen in einer universellen Gemeinschaft zu leben, besonders mit jenen, die am weitesten entfernt sind. Von diesem Zeitpunkt an sollte er seiner Berufung, Jesus von Nazareth nachzuahmen, nicht mehr im Heiligen Land folgen, sondern inmitten der am meisten vernachlässigten Schafe, nämlich jener in Marokko.

Der Evangelisierung der Sahara durch Freundschaft und Güte den Boden bereiten Nach seiner Weihe zum Diözesanpriester am 9. Juni 1901 am Priesterseminar von Viviers zog es ihn nach Marokko, wo er sich in Beni-Abbès an der Grenze zwischen Algerien und Marokko niederließ. In der Sahara versuchte Bruder Charles durch Freundschaft und Güte den Boden für eine Evangelisierung zu bereiten. In Beni-Abbès begann er ein intensiv kontemplatives Leben zu führen und war auf brüderliche Weise für alle da, die seine Fraternität aufsuchten: die Karawanen, die Soldaten und Offiziere, die einfachen Reisenden, die Sklaven und vor allem die Allerärmsten und Verzweifeltsten.

Um den Tuareg das Evangelium nahezubringen, unternahm er pastorale Reisen und schloss sich dafür militärischen Erkundungstouren an. Er wollte auf diese Weise das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen und Freundschaft mit den Menschen schließen. Später, im Mai 1905, ließ er sich bei den Tuareg in Tamanrasset nieder und begab sich von dort aus auf weitere pastorale Reisen. Er tauchte in ihre Kultur ein, indem er ihre Sprache erlernte und sich mit ihrer Lebensweise vertraut machte, und er übersetzte das Evangelium und einige Passagen des Alten Testaments in die Tuareg-Sprache. Charles führte auch bedeutende linguistische Forschungen durch, darunter die Erstellung einer elementaren Grammatik und zweier Wörterbücher, Tuareg-Französisch und Französisch-Tuareg. Ungeachtet vieler Schwierigkeiten hat Charles sein Dasein unter den Tuareg, das er mit diesen Worten zusammenfasste, nicht aufgegeben:

Am wichtigsten ist es, Jesus in ihre Mitte zu bringen, Jesus im allerheiligsten Sakrament, Jesus, der jeden Tag im heiligen Messopfer zu uns herabkommt; auch Gebete sollen sie kennenlernen, das Gebet der Kirche, mag derjenige, der es ihnen bringt, auch noch so erbärmlich sein … dann soll diesen unwissenden Menschen gezeigt werden, dass Christen nicht so sind, wie sie es sich vorstellen, dass wir vielmehr glauben, lieben, hoffen; schlussendlich soll in diesen Seelen Vertrauen und Freundschaft geweckt werden, um sie zu zähmen und sie, wenn möglich, als Freunde zu gewinnen; damit, nachdem der Boden einmal bereitet worden ist, andere diesen Menschen noch mehr Gutes tun können1.

Bei den Tuareg sollte Charles de Foucauld auch sterben – am Freitag, den 1. Dezember 1916 wurde er von Senussiten ermordet, die gekommen waren, um seine Einsiedelei zu plündern und ihn als Geisel zu nehmen. Am 13. November 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. selig- und am … 2021 von Papst Franziskus heiliggesprochen.

DIE BEDEUTUNG DER SPIRITUALITÄT VON CHARLES DE FOUCAULD

Eine große Schar an „Gefolgsleuten”

In den 15 Jahren seines pastoralen Wirkens in der Sahara konnte Charles de Foucauld nur wenige Menschen bekehren. Seinem brennenden Wunsch, eine Kongregation zu gründen, die sich der vollkommenen Nachahmung des Jesus von Nazareth verschreiben würde, war kein Erfolg beschieden. Ungeachtet dieses offenkundigen Scheiterns wurden Leben und Tod von Bruder Charles von Gott fruchtbar gemacht. So sind viele Jünger Christi von seiner Spiritualität inspiriert worden, die auf dem Feiern, Anbeten und authentischem Leben der Eucharistie, der universalen Bruderschaft, dem täglichen Hören und Betrachten des Evangeliums, der absoluten und vertrauensvollen Hingabe an den Willen des Vaters, dem brennenden Verlangen, Christus zu den Allerärmsten und am weitesten Entfernten zu bringen, gründet.

Verwandlung durch die Eucharistie

Charles de Foucaulds Spiritualität ist wie ein Licht, das der Herr heute seiner Kirche anbietet, um sie auf ihrem Weg zu erleuchten. Die leidenschaftliche eucharistische Andacht, die er uns vermittelt, ist ein wirksamer Weg, unsere eucharistischen Feiern und Anbetungen in der Erneuerung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu leben. Wenn man bei Bruder Charles in die Schule gegangen ist, kann man nicht an der Eucharistie teilnehmen, ohne in einer tiefen Gemeinschaft mit Christus zu leben, die uns für alle Menschen offen macht, vor allem für die Ärmsten und Entferntesten. Sein Beispiel der eucharistischen Anbetung lädt uns ein, auf das Wort Gottes zu hören, um durch das Nachahmen der Tugenden Jesus‘ verwandelt zu werden.

Ein Evangelisierungsmodell in einer von Säkularismus und religiösem Fundamentalismus geprägten Situation

Die Bedeutung von Bruder Charles drückt sich auch in seinem Evangelisierungsmodell aus. Inmitten einer zutiefst muslimischen Umgebung, in der er nicht offen zum Glauben an Jesus einladen konnte, wollte Charles de Foucauld seinen Meister verkünden, indem er allen, die ihm begegneten, Güte und Freundschaft entgegenbrachte. Ist es nicht dieses brüderliche, gütige und sanfte Da-Sein, das wir brauchen, um in unserer zunehmend säkularisierten Welt Zeugnis für Jesus abzulegen?

Bruder Charles erlebte die Radikalisierung seiner muslimischen Brüder: „Es ist die Islamisierung von Hoggar, […] Das ist eine ernst zu nehmende Tatsache […] in einigen Jahren wird es zu einer tiefen und andauernden Feindschaft kommen, wenn der Einfluss der Tuatian-Moslems die Oberhand gewinnt …“2. Bruder Charles‘ Einstellung zu dem heute so verbreiteten religiösen Fundamentalismus ist für uns aktueller und inspirierender denn je. Ob wir nun im Dialog oder in Freundschaft mit Muslimen stehen oder Opfer von Fundamentalismus sind – es braucht Freundschaft, Dialog, klares Wissen über den anderen, um ihn zu „verstehen“, und Güte und zärtliche Liebe, um die Einheit der Herzen voranzutreiben.

Schutzheiliger der Peripherien und der universalen Bruderschaft

Das Lehramt von Papst Franziskus lädt uns ein, zu den Menschen an den existenziellen Rändern hinzugehen, um sie alle, besonders die am weitesten Entfernten und Ausgeschlossenen zu unseren Brüdern und Schwestern zu machen. In Bruder Charles finden wir den Experten, den Schutzheiligen der „Peripherien“ und der universalen Bruderschaft. Das ist es, was er gelebt und gelehrt hat. „Wir müssen alle Menschen gleich lieben, Reiche und Arme, Glückliche und Unglückliche, Gesunde und Kranke, Gute und Böse, weil sie alle Teil des mystischen Leibes Christi (nah oder fern) und deshalb Teil von Jesus sind, ein Stück von ihm, also unendlich verehrungswürdig, liebenswert und heilig“3.

Ein himmlischer Freund, der uns begleitet und herausfordert

Charles de Foucauld ist heute vor allem deshalb so bedeutend, weil sein Bei-Gott-Sein, inmitten der großen Schar der Heiligen, die Erfüllung der universalen Bruderschaft ist, nach der er so sehr gesucht hat. Sein Teilhaben an der Herrlichkeit und der Fürsprache Christi macht ihn für uns Tag für Tag so gegenwärtig und wirkmächtig in unserem Leben und dem der Kirche. Jeder von uns kann sich die Frage stellen: Welche Früchte hat die Freundschaft mit Bruder Charles in meinem Leben hervorgebracht? Gibt es Seiten meines Lebens, die zu verändern mich Bruder Charles herausfordert?

Heiliger Charles, bete für uns!

Heiliger Charles, bete für uns, hilf uns dabei, uns dem Vater vollkommen hinzugeben, „ohne Maßen, mit unendlichem Vertrauen“, weil er unser Vater ist, und du, du bist unser Freund. Heiliger Charles de Foucauld, bete für uns!

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