{"id":4392,"date":"2020-03-28T10:30:42","date_gmt":"2020-03-28T09:30:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.iesuscaritas.org\/?p=4392"},"modified":"2020-11-28T09:38:28","modified_gmt":"2020-11-28T08:38:28","slug":"deutsch-stimme-der-stimmlosen-nachruf-auf-mariano-puga","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iesuscaritas.org\/de\/documentos\/deutsch-stimme-der-stimmlosen-nachruf-auf-mariano-puga\/","title":{"rendered":"Stimme der Stimmlosen &#8211; Nachruf auf Mariano PUGA"},"content":{"rendered":"<p><div id=\"attachment_4393\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.iesuscaritas.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/stimme-der-stimmlosen-nachruf-auf-mariano-puga.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4393\" class=\"wp-image-4393 size-full\" src=\"https:\/\/www.iesuscaritas.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/stimme-der-stimmlosen-nachruf-auf-mariano-puga.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4393\" class=\"wp-caption-text\">Mariano Puga bei einem Fernsehauftritt 2014 (Foto: TVN via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0))<\/p><\/div><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Berlin, 17. M\u00e4rz 2020, npla).- \u201eMariano, Chiles Priester ist auferstanden!\u201d hei\u00dft es in der Pressemitteilung der Gemeinde La Minga vom 14. M\u00e4rz 2020. Er, der \u201esein Leben der armen und unterdr\u00fcckten Bev\u00f6lkerung widmete\u201c, sei nun auf direktem Weg um Christi zu treffen. Ein Geistlicher und Menschenrechtler wie Mariano Puga Concha stirbt nicht einfach. Jenseits aller Gretchenfragen lebt der Arbeiterpriester weiter \u2013 in der Erinnerung und den Herzen vieler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arbeiterpriester, so bezeichnete sich Puga am liebsten. Dabei ist ihm bei seiner Geburt 1931 eigentlich ein arbeitsfernes, privilegiertes Leben in die Wiege gelegt worden. Als Nachfahre des letzten spanischen Gouverneurs von Chile, Sohn eines Senators und einer schwer reichen Winzertochter folgt seine Ausbildung an der Milit\u00e4rschule und Studien an der Katholischen Universit\u00e4t zun\u00e4chst dem Protokoll der konservativen Eliten. Ein strenggl\u00e4ubiger Verwandter habe ihn dann irgendwann gefragt: \u201eWarum l\u00e4sst du dich nicht bekehren Junge?\u201c, erinnert sich Puga in einem Zeitzeugeninterview. \u201eUnd ich fragte: \u201aWas muss ich daf\u00fcr tun?\u2018 Darauf er: \u201aDas Evangelium lesen und es ernst nehmen.\u2018\u201c So geht Puga als Seminarist nach Frankreich und wird 1959 in der Bretagne zum Priester geweiht.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Puga h\u00e4ngt den Altar mit Bettt\u00fcchern ab und predigt auf Spanisch<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Katholische Kirche sucht in dieser Zeit nach einem Weg sich zu erneuern, denn ihr politischer Einfluss schwindet und auf dr\u00e4ngende soziale Fragen gibt das lateinische Gemurmel von der Kanzel kaum Antworten. Die Arbeiterbewegung erh\u00e4lt damals in Lateinamerika starken Zulauf, die Kubanische Revolution verspricht das Paradies auf Erden. Noch in Paris besch\u00e4ftigt sich Puga intensiv mit der Frage, wie die verstaubten Gottesdienste wieder sinnstiftender f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen werden k\u00f6nnten und setzt seine Ideen in Chile schnell in die Praxis um. In der Pfarrkirche der Katholischen Universit\u00e4t von Santiago beginnt er vor jeder Messe den Altar mit Bettt\u00fcchern abzuh\u00e4ngen und predigt auf Spanisch. Kardenal Raul Silva Henr\u00edquez bestellt Puga wegen Verst\u00f6\u00dfen gegen die damals g\u00fcltige (und erst 1962 refomierte) Liturgie ein, aber als er h\u00f6rt, dass \u00fcber 600 Menschen zu seinen Gottesdiensten kommen, ermutigt er Puga weiterzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die anf\u00e4ngliche Unterst\u00fctzung endet abrupt, als Puga bei einem erneuten Frankreichaufenthalt eine Messe zu Ehren der 1970 gew\u00e4hlten chilenischen Regierung abh\u00e4lt. Vor dem versammelten diplomatischen Corps preist der den Weg zum Sozialismus: \u201eIn Chile werden die Hungrigen nicht l\u00e4nger ausgeschlossen, denn die neue Regierung will eine Regierung f\u00fcr die Ausgeschlossenen sein. Was werden die kapitalistischen Regierungen [anderer L\u00e4nder] dazu sagen?\u201c Damit besiegelt er sein Karriereende: \u201eKardinal Silva enthob mich all meiner \u00c4mter im Seminar. Es war vorbei.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Gr\u00fcndung der \u201eChristen f\u00fcr den Sozialismus\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um so eifriger wirkt Puga nun an der Basis als selbsternannter Arbeiterpriester. Zun\u00e4chst lebt und predigt in den Bergbausiedlungen rings um die Kupfermine Chuquicamata, sp\u00e4ter wirkt er in den Armensiedlungen und urbanen Landbesetzungen Santiagos. Die Kirchenoberen sehen dieses politisch-theologische Experiment mit Misstrauen, denn Puga ist l\u00e4ngst nicht der einzige. 1971 beschlie\u00dfen 80 Geistliche auf einem Treffen, sich als Christen aktiv am Aufbau des Sozialismus zu beteiligen. Gemeinsam beginnen sie unter dem Einfluss von Befreiungstheologen wie dem Argentinier Hugo Assmann gleicherma\u00dfen die Dogmen klerikaler Antimarxisten und antiklerikaler Revolution\u00e4re zu kritisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Presse tauft die engagierten Geistlichen bald \u201eChristen f\u00fcr den Sozialismus\u201c und als solche unterhalten sie bis zum Mulit\u00e4rputsch 1973 ein eigenes B\u00fcro in Chile. Sie wirken mit Ver\u00f6ffentlichungen in die \u00f6ffentliche Debatte, versuchen sich als Vermittler zwischen linken Parteien und konservativen Christdemokraten und entwickeln mit der \u201eG\u00f6tzenkritik\u201c eine eigene Lesart der marxistischen Fetischtheorie. Puga interessiert jedoch vor allem die gelebt Praxis des Evangeliums, das immer bei den \u00c4rmsten der Gesellschaft beginnen m\u00fcsse. So mischt er sich politisch ein, h\u00e4lt jedoch Distanz zu den sozialistischen Propheten dieser Tage: \u201eIch glaubte an die Kubanische Revolution. Aber ich war nie ein Fan von Fidel Castro\u201c, erinnert sich Puga im Januar 2020 im Interview. \u201eIch habe Allende gelesen, ich bewunderte ihn f\u00fcr seine Beharrlichkeit, f\u00fcr die St\u00e4rke seiner \u00dcberzeugungen, aber ich war auch ein wenig kritisch gegen\u00fcber der Art und Weise, wie er seine sozialistische Erfahrung lebte. Was mich begeisterte, war, wie die Bev\u00f6lkerung auf die Idee des Sozialismus reagierte, was die Menschen schufen und organisierten. Wie sie dieses System, dass Millionen von der Geschichte unseres Landes ausschloss, st\u00fcrzten.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Puga als Kritiker \u2013 auch in Zeiten der Diktatur<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch mit dem Milit\u00e4rputsch am 11. September 1973 endet der Erneuerungsprozess der chilenischen Kirche abrupt. Die \u201eChristen f\u00fcr den Sozialismus\u201c werden von Kardinal Silva \u2013 sp\u00e4ter ein aktiver Kritiker der Diktatur \u2013 f\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt. Priester werden verfolgt, gefoltert, die Ausl\u00e4nder unter ihnen abgeschoben. Puga setzt seine Arbeit in den Vierteln La Legua und Villa Francia fort, organisiert sich mit anderen Priestern in den Armensiedlungen, um Verfolgte zu verstecken. Er ist aktiv im Komitee Pro Paz und der daraus hervorgehenden Vicaria de la Solidaridad, einer katholischen Organisation, die Opfer der milit\u00e4risch-zivilen Diktatur und ihre Angeh\u00f6rigen unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in den finstersten Tagen der Diktatur scheut Puga nicht vor \u00f6ffentlicher Kritik zur\u00fcck. Auf Einladung eines befreundeten Priesters spricht er einmal w\u00e4hrend des Gottesdienst in \u201eder Kirche der Reichen\u201c, wie Puga die Iglesia Santo Toribio im gut situierten Stadtteil Las Condes\u00a0stets nannte. Er beginnt seine Rede mit den Worten \u201eDer gute Hirte gibt das Leben f\u00fcr die Herde, der schlechte rennt los, wenn er den Wolf kommen sieht.\u201c Viel weiter kommt er nicht, ein Tumult bricht aus. Puga wird ins Folterzentrum Villa Grimaldi verschleppt. Wieder auf freiem Fu\u00df arbeitet er unbeirrt weiter mit seiner Gemeinde La Minga.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Andenken an Mariano Puga<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach seinem Tod am 14. M\u00e4rz 2020 wird an Puga von Alicia Lira, Sprecherin des Angeh\u00f6rigenb\u00fcndnis von Opfern der Diktatur, als \u201eStimme der Stimmlosen\u201d gew\u00fcrdigt. Auch viele Bewohner*innen und Gemeindemitglieder ehren \u00f6ffentlich sein Engagement f\u00fcr Gerechtigkeit und seine Kritik an den herrschenden Umst\u00e4nden. In der chilenischen Presse wird jedoch kaum an diesen politischen Puga erinnert, die b\u00fcrgerliche Zeitung La Tercera bem\u00fcht lieber Metaphern wie \u201eSeelenmaurer\u201c oder \u201eApostel der Gewaltlosigkeit\u201c. Dabei war Mariano Pugo bis zuletzt ein kompromissloser F\u00fcrsprecher der aktuellen sozialen Proteste. Im Oktober schreibt er in einem offenen Brief in der chilenischen Wochenzeitung The Clinic: \u201eWir sind eine Diktatur und Gefangene von Pinochet, Gefangene unserer selbst, unserer eigenen Gef\u00e4ngnisse, unseres eigenen Hasses. [\u2026] Diese Menschen haben das Recht, alles zu zerst\u00f6ren, weil ihnen alles zerst\u00f6rt wurde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gedenkt seine Gemeinde La Minga im Stadtteil Villa Francia am 15. M\u00e4rz dem Abschied Mariano Pugas nicht mit Blick auf die vergangenen K\u00e4mpfe, sondern feiert ihn mit einer \u201eoffenen Umarmung der Revolution\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vollst\u00e4ndige Zeitzeugeninterview, das Allendes Internationale mit Mariana Pugo im Januar 2020 f\u00fchrte, findet ihr unter: https:\/\/vimeo.com\/395290715 (mit deutschen Untertiteln)<\/p>\n<p>PDF: <a href=\"https:\/\/www.iesuscaritas.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Stimme-der-Stimmlosen-\u2013-Nachruf-auf-Mariano-Puga.pdf\">Stimme der Stimmlosen \u2013 Nachruf auf Mariano Puga<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Berlin, 17. M\u00e4rz 2020, npla).- \u201eMariano, Chiles Priester ist auferstanden!\u201d hei\u00dft es in der Pressemitteilung der Gemeinde La Minga vom 14. M\u00e4rz 2020. 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